„Die Entscheidung ist nicht leicht für mich.“ – Interview mit Einem, der zurück nach Afghanistan geht

Wenn Politker*innen die Abschiebungen nach Afghanistan schönreden, führen sie gern heran, dass im vergangenen Jahr etwa 3300 Afghanen freiwillig in ihr Land zurückgekehrt seien. Das Netzwerk >Afghanistan – Nicht sicher!< (NANS) hat mit einem jungen Mann aus Mecklenburg-Vorpommern gesprochen, der sich entschieden hat, zurück zu gehen – und damit Vieles hier zurück lässt.

NANS: Hallo und schön, dass du dir die Zeit nimmst uns ein paar Fragen zu beantworten. Wir haben dich vor vier Monaten kennen gelernt, kurz nachdem die erste Abschiebung aus MV nach Afghanistan ging. Nun gehst du selbst und das auch noch „freiwillig“. Wie kam es dazu?

Ich habe Probleme in Afghanistan: Meine Mutter ist sehr schwer krank. Deswegen möchte dorthin zurück. Ich sollte bei der letzten Abschiebung abgeschoben werden. Sie wollten mich schon zurück schicken. Ich war aber nicht zu Hause. Die Entscheidung ist nicht leicht für mich. Ich habe eine Tochter hier. Aber ich muss das machen. Meine Mutter ist auch sehr wichtig für mich.

NANS: Die Bundesregierung nennt es eine „freiwllige Ausreise“, die du da vor hast. Würdest du auch dieses Wort wählen? Gehst du freiwillig?

Freiwillig… Ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist oder nicht. Aber eigentlich ist es nicht freiwillig. Sie schicken mich so oder so zurück. Sie kucken nicht, wer Probleme hat oder nicht. Die Politik ist jetzt so, dass wenn sie Abschiebungen machen, schauen sie nicht ob jemand hier zur Schule geht oder dort Probleme hat. Egal ob freiwillig oder nicht. Sie schicken uns nach Afghanistan.

NANS: Du bist schon ziemlich lange in Deutschland. Ist es nicht schwer, nach so langer Zeit einfach aufzubrechen und wieder in ein Land zu gehen, in dem du so lange nicht warst?

Es ist sehr schwer für mich, in mein Land zurückzugehen, wo ich so lange nicht war. Ich kann meine Sprache manchmal nicht mehr, zum Beispiel wenn ich mit meiner Mutter spreche, dann merke ich das.

Es ist schwer, wenn du in ein Land zurückgehst, wo Krieg ist. Es ist schwer mit den Leuten dort Kompromisse zu machen. Die Menschen dort leben anders als hier. Ich muss jetzt wieder ein Afghane werden. Ich war so lange nicht dort, dass ich mich wie ein halber Deutscher fühle. Fast mehr als halb. Ich lebe wie ein Deutscher, ich esse so. Ich handle deutsch.

Es ist schwer für mich, zurück zu gehen. Ich muss von Vorne anfangen. Wenn ich mich dort so verhalte wie hier, ist das gefährlich für mich. Es ist nicht angenehm für die Afghanen. Was hier normal ist, kann dort gefährlich sein.

NANS: Auf den Demos sagen wir sehr deutlich: Afghanistan ist nicht sicher. Du hast es auch gerade gesagt: Es ist gefährlich dort. Was macht es gefährlich?

Das Problem mit der Sicherheit dort ist, dass niemand versteht, wer sicher ist und wer nicht. Man denkt vielleicht man ist sicher, aber man ist nicht sicher.

Meine Meinung ist: Sie machen jetzt Abschiebungen. Aber genau damit helfen sie den Taliban und dem IS. Denn die suchen junge Leute mit Depressionen. Stell dir vor:

Ich gehe nach Afghanistan. Natürlich bekomme ich da Depressionen. Wegen der Situation dort: Jeden Tag gibt es Tote. Jeden Tag sterben mehr Menschen. Davon bekommt man Depressionen. Und es wird jeden Tag schlimmer.

Die schlechten Leute suchen genau solche Menschen, die Depressionen haben.

Sie machen Jugendlichen gute Angebote. Sie geben ihnen viel Geld. Manche Leute machen schlechte Dinge für Geld. Weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen. Sie wissen: Entweder sterbe ich jetzt oder später. Dann eben später.

Wenn man jetzt junge Leute nach Afghanistan zurückschickt, ist das gefährlich. Weil Viele mit den Schlechten gehen werden. Oder sie werden Diebe. Weil sie keine Zukunft haben, keinen Job.

NANS: Die Taliban verfolgen Menschen, die „westlich“ leben. Also nicht nach ihren Moral-Vorstellungen leben. Was denken die Taliban über die Afghanen, die abgeschoben wurden, die aus dem Westen kommen?

Ich weiß nicht genau, was sie über sie denken. Aber sie wissen, dass die Leute, die zurück kommen, Probleme haben. Besonders die, die vorher mit den Taliban selbst Probleme hatten.

Solche Leute sind das Ziel der Taliban. Du hast die Wahl: Entweder töten sie dich oder du musst für sie arbeiten. Wenn jemand die Waffe auf dich hält, dann weißt du: Ích sterbe so und so.

NANS: Wo wirst in Afghanistan hingehen? In deinen alten Wohnort?

Ich weiß nicht genau, wie es sein wird. Ich denke aber, dass es so sein wird, dass ich in meine alte Stadt zurückgehen werde. Auch wenn ich in Kabul ankomme, wo soll ich dort bleiben? Wenn ich zurück gehe, finde ich vielleicht eine Wohnug. Aber ich habe keine Zukunft, keinen Job.

Und es ist gefährlich. Denn wenn die Taliban oder der IS erfährt, dass ich aus dem Westen komme, werden sie mich suchen. Entweder muss ich für sie arbeiten oder sie töten mich.

NANS: Kann man dich irgendwie unterstützen in dieser Sitution? Ist das überhaupt möglich: Unterstützung?

Wie sollte man jemanden dort unterstützen? Ein großes Land wie Deutschland kann nicht mal seine eigene Botschat unterstützen. Wie soll mich da jemand unterstützen?

Die NATO-Länder können nicht mal eine kleine Stadt wie Kunduz sichern. Wieviele Jahre sind sie da? 10, 15 Jahre. Amerika, Deutschland, Frankreich. Sie machen ihre eigenen großen Länder sicher. Aber sie können nicht eine kleine Stadt in Afghanistan schützen. Haben Sie gesehen, was in Kabul passiert ist? Sie können nicht mal eine Botschaft schützen. Wie soll ich mich da schützen?

Es ist nicht möglich für mich da für den Rest meines Lebens zu leben. Wenn man in die Stadt geht, kann immer etwas passieren.

NANS: Was macht es dir jetzt schwer aus Deutschland weg zu gehen? Du hast ein Kind. Gibt es andere Dinge, an denen du hängst, die du nicht zurücklassen willst?

Wenn ich dieselben Möglichkeiten wie hier in Afghanistan hätte, wäre ich niemals hier her gekommen. Das macht es schwer zurück zu gehen. Es gibt diese Möglichkeiten nicht:

Schule, Arbeiten, Ausbildung.

Meine Tochter zurückzulassen ist sehr schwer. Ein Teil von mir lebt hier. Selbst wenn ich keine Probleme in Afghanistan hätte, wäre es sehr schwer zu gehen, wegen meiner Tochter.

Doch am wichtigsten ist Sicherheit. Die haben wir nicht in Afghanistan. Null Sicherheit. Der Außenminister von Deutschland sagt, Afghanistan ist ein sicheres Land. Aber das glaube ich nicht. Afghanistan ist nicht sicher.

Wäre es sicher, wäre ich schon lange ausgereist. Aber nicht nur ich, jeder Afghane, der wüsste dass Afghanistan sicher ist, würde dort in seinem eigenen Land bleiben. Es ist immerhin das eigene Land. Und das eigene Land ist so wie eine Mutter. Man will im eigenen Land bleiben. Aber wenn das Land nicht sicher ist, kann man da nicht bleiben. Wie soll man da bleiben, wenn man weiß heute oder morgen kann man sterben. So der so. Egal, was man macht, man kann sterben.

Es gibt viele Gefahren da. Man sagt so: In Afghanistan ist es leichter einen Menschen zu töten als ein Glas Wasser zu trinken. So ist es. Auch Sie hören das jeden Tag: Es gibt Tote, Tote, Tote. Jeden Tag sterben unschuldige Leute. Keine Kriminellen. Unschuldige. Jeden Tag.

NANS: Glaubst du, die deutsche Politik könnte irgendwas besser machen im Umgang mit den Afghanen?

Ja, sie könnten die Afghanen hier lassen. Kein Aufenthalt für immer. Nur ein Dokument bis Afghanistan sicher ist. Das fände ich gut. Das fände ich sehr nett von der deutschen Regierung.

Für mich persönlich war es so: Als ich negativ bekommen habe, habe ich gemerkt, dass die deutsche Regierung mir nicht glaubt. Ich wollte eigentlich früher nach Afghanistan gehen. Aber aus persönlichen Gründen bin ich hier geblieben. Jetz gehe ich freiwillig. Auch wenn ich weiß, dass es nicht sicher ist.

Aber die deutsche Regierung glaubt mir nicht. Das nervt mich, dass sie mir nicht glauben.

Ich will die deutsche Regierung nicht damit provozieren, was ich hier sage. Ich will nur die Wahrheit sagen.

NANS: Welche Probleme hattest du in Afghanisten?

Eigentlich waren es die Probleme meines Vaters. Er hat für das Militär gearbeitet. Er hat uns nie erzählt, was er arbeitet. Ich war zu klein, als dass ich das wissen sollte. In einer Nacht haben mich die Taliban entführt. Ich war dort eine Nacht in deren Gefangenschaft. Von dort bin ich weggelaufen.

Wenn ich mir jetzt vorstelle dass ich dort geblieben wäre, denke ich sie hätten mich als Waffe benutzt. Ich war jung. Sie hätten Gehirnwäsche mit mir gemacht. Das machen sie.

Ich hatte damals eine andere Mentalität als jetzt. Vielleicht hätte ich ihnen geglaubt. Es ist gut, dass ich weggelaufen bin.

Die Taliban sind so normal geworden für die deutsche Politik. Wenn man sagt, man hat Probleme mit den Taliban, denken sie das ist Spaß. Die Taliban nehmen Kinder und trainieren sie. Sie benutzen sie als Waffe. Das ist kein Spaß.

NANS: Du hast gesagt, dein Denken und deine Mentalität hat sich geändert. Wie hat es sich geändert?

Es hat sich geändert, weil das Leben hier ganz anders ist als in Afghanistan. Das ist, weil man hier mit guten Menschen lebt. Wenn man mit schlechten Menschen lebt, wie den Taliban, wird man auch schlecht.

Ich hab hier ein gutes Leben gesehen: Ein freies Leben. Man kann leben, wie man möchte. Mann kann arbeiten und studieren. In Afghanistan ist es normal nur über das Töten und den Streit zu reden. Das ist nicht gut für junge Meschen.

NANS: Vielen Dank, für dein ehrlichen Worte und dass du die Fragen beantwortet hast.

Das Interview wurde auf deutsch geführt. Um den Interviewten zu schützen, veröffentlichen wir seinen Namen nicht.

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